Wenn Mama nicht mehr kann…

Erschöpfung und Überlastung von Müttern, Burnout und Depressionen, traumatische Geburt verarbeiten

Morgens auf dem Weg zur Kita. Du triffst eine entfernt bekannte Mama. “Alles gut bei Dir?” fragt sie. “Alles gut, alles gut” beeilst Du Dich zu sagen. Und schickst Dein charmantestes Lächeln hinterher. Dein Kleines schläft nur gerade so schlecht. Aber das ist ja normal. Die Zähne. Der Infekt. Ein Wachstumsschub. Irgendwas ist ja immer. Ist bloß eine Phase. Bis zur nächsten Phase. Und zur nächsten Phase.


Auf Arbeit angekommen: Du kannst Dich kaum konzentrieren, Deine Gedanken nicht zusammen halten. Fokussiert arbeiten ist kaum möglich. Du hast ja schlecht geschlafen. Aber der Job muss gemacht werden. Und am besten von Dir, dann weißt Du, dass er ordentlich erledigt ist. Dein Chef guckt Dich schon mitleidig an: gegen die dunklen Augenringe hilft auch der beste Concealer nicht mehr. “Alles gut bei Dir?” fragt er mitfühlend. “Ja klar, alles super. Die Nacht war nur ein bisschen kurz” antwortest Du wie aus der Pistole geschossen. Und setzt Dein professionellstes Lächeln auf.
“Liebste, wie war Dein Tag, alles gut?” fragt Dein Mann, wenn er abends von der Arbeit nach Hause kommt. Er hat es gerade so rechtzeitig geschafft, um den Kindern noch einen Gute-Nacht-Kuss zu geben. Natürlich übernimmst Du die Schlafenszeit – er hatte doch so einen anstrengenden Tag. Geht hart arbeiten, um die Familie zu versorgen, das Haus abzubezahlen, damit Du “nur Teilzeit arbeiten musst”. “Alles gut!” sagst Du und setzt Dein liebevollstes Lächeln auf.

Und wer kümmert sich dann um die Kinder?

Die Kinder können nicht einschlafen. Wollen hier noch ein Glas Wasser und müssen dort nochmal aufs Klo. Wühlen sich durchs Bett, eine dreiviertel Stunde lang. Anspannung macht sich bei Dir breit. Deine Atmung wird flach und Dein Magen zieht sich zusammen, Du bist kurz davor, zu explodieren. Aber Du bemühst Dich, sie Deinen Frust und Deinen Ärger nicht spüren zu lassen. Sie können doch auch nichts dafür. ‘Und eigentlich ist doch alles gut’, lächelst Du erschöpft, wenn Deine kleinen Engel selig schlafen.

Seit Wochen gehst Du auf dem Zahnfleisch. Hast das Gefühl, nur noch zwischen Haushalt, Arbeit und Kinderbetreuung hin und her zu hetzen. Die latenten Schmerzen im Kreuz fühlen sich mittlerweile an wie Messerstiche. Aber: es muss ja weiter gehen. Du findest keine Zeit für einen Arzttermin. Und was soll das denn überhaupt bringen!? Du bist chronisch müde. Logisch, Dein Kind schläft ja schlecht. Ist nur eine Phase. Ausfallen, ausruhen, auskurieren – wer kümmert sich dann um die Kinder?

Einer dieser seltenen Momente, die Kinder sind außer Haus. Und Du? Nutzt die Zeit, um endlich mal die Wohnung so richtig auf Vordermann zu bringen. Nur noch schnell den Papierkram ordnen, der seit Wochen liegen bleibt. Den Termin abends mit Deinen Freundinnen sagst Du ab – was sollst Du ihnen auch erzählen!? Dass seit Wochen Deine Gedanken rasen und Dich um den Schlaf bringen, dass Du Dich einfach nur auf eine einsame Insel wünschst und Dich fragst, ob das alles so eine gute Idee war mit dem Kinderkriegen? Dass Du sie beneidest um ihre Freiheit, um ihren Erfolg im tollen Job, ihre Reisen und den Spaß in den angesagten Bars am Wochenende? “Das Kind ist krank” verstehen sie eher, auch wenn es gelogen ist. Aber dann musst Du Dich wenigstens nicht rechtfertigen. Sie würden es sowieso nicht verstehen.

Depressionen? Du doch nicht!

Irgendwann sitzt Du doch in der Sprechstunde. Ibuprofen hilft nicht mehr. “Ach, alles halb so wild” lächelst Du gequält und setzt Deine Maske auf. Dein professionelles Mama-Lächeln. Nur ein, zwei Tage krank schreiben. Nein, nein. Keine Woche, ein, zwei Tage reichen, das ist sicher nur der Babyblues. Depressionen? Du doch nicht! Mit ernstem Blick schaut Dein Arzt Dich an. Jetzt wäre der Moment, etwas zu sagen. Du holst tief Luft und – schluckst. Auf dem Heimweg brichst Du in Tränen aus. Das wäre Deine Chance gewesen. Nur: was ist die Lösung? Du wolltest es doch so! Hast Dir die Kinder sehnlichst gewünscht und sie sind doch so ein Geschenk.

Du bist hin und her gerissen zwischen der unbändigen Liebe für diese kleinen wunderbaren Geschöpfe, dass es Dir fast Deine Brust zerreißt. Und der Scham, dass Du sie angemotzt hast, weil es morgens nicht schnell genug ging. Ihr wart spät dran und Du musstest dringend zu diesem wichtigen Termin. Nachdem Du sie in der Kita abgegeben hast, plagen Dich Schuldgefühle. Sie sind doch Dein ein und alles – wie konntest Du nur so mit ihnen schimpfen!?

Du: darf ich Dich einmal virtuell umarmen? Und darf ich Dir etwas sagen? Du bist nicht alleine mit diesen Gefühlen. Es gibt noch mehr Mamas da draußen, denen es geht wie Dir. Arbeit, Kinderturnen, Haushalt – Tag ein Tag aus; Willkommen im Hamsterrad. Bei dem Workload, den Du Tag für Tag leistest, ist es nicht verwunderlich, dass Du erschöpft bist. Dass Du Fluchtgedanken hast. Dass Du gereizt reagierst. Du versuchst tagtäglich 150 Prozent zu geben. Und bleibst dabei selbst völlig auf der Strecke.

Es braucht ein Dorf, um ein Kind groß zu ziehen!

Ich möchte Dich ermutigen! Ermutigen, darüber mit einer Person Deines Vertrauens zu sprechen. Dich zu öffnen. Zu erzählen, wie es Dir wirklich geht. So ganz tief drin. Einer lieben Freundin oder Deiner Nachbarin. Deiner Hebamme. Dem Arzt. In einer kostenfreien Beratungsstelle bei der Caritas. Oder Deiner (Schwieger-)Mama. Ich möchte Dich bestärken, Dir Hilfe zu holen. Alles, was Dich entlastet, ist richtig und recht. Es ist vollkommen gegen unsere menschliche Natur, dass eine Mama sich alleine um ihre Kinder kümmert. Biologisch gesehen, sind wir als soziale Wesen auf Gemeinschaft angewiesen. Darauf, dass wir die Kinder gemeinsam schaukeln. Nicht: einsam! Denn es braucht ein Dorf, um ein Kind groß zu ziehen. Nur: wo ist das Dorf?

Sich Hilfe zu holen; ich weiß, was das für ein schwerer Schritt ist. Nicht, weil ich das in meiner Ausbildung zur Krisenbegleiterin gelernt habe. Nicht, weil ich so viele Mamas in meinen Einzelberatungen und Kursen begleitet habe. Sondern, weil ich selbst an diesem Punkt war. Weil ich weiß, wie schwierig es ist, Dir einzugestehen, dass Du Hilfe brauchst. Und weißt Du was? Das ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen von Stärke! Warte nicht, bis gar nichts mehr geht. Öffne Dich! Deinem Partner, Deiner Freundin, der Mama auf dem Spielplatz. Es gibt Wege raus aus Deiner Situation. Hinzu einem Mama-Leben in Leichtigkeit, Freude und Spaß.  Die Zeit mit Deinen Kindern ist – rückblickend betrachtet – viel zu schnell vorbei. Sorge gut für Dich, dann kannst Du auch gut für Deine Kinder sorgen. Und dann kannst Du Dein Mama-Sein in vollen Zügen genießen – mit all den Höhen und Tiefen, die das Leben eben so mit sich bringt

Ich wünsche Dir von Herzen alles Liebe,
Deine Mama-Guerilla

Isabel Falconer

 

 

 

 

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Foto: (c) Esther Mauersberger www.geburtsfotografie.koeln

8 Kommentare

    • Isabel Falconer

      Oh wundervoll! Vielen Dank <3 Umarmungen kann man nie genug haben :*

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  2. DANKE!!! dafür, dass du das mal so offen aussprichst. Und auch die Symptome nennst, wie ich es überhaupt erkennen kann, dass ich überfordert bin.
    Ich habe das damals alles für „normal“ gehalten, was ich halt aushalten muss. Tut ja schließlich jede andere auch.

    • Isabel Falconer

      Da sind wir Mamas viel zu schnell dabei: aushalten. Und alles allein machen. Es wird uns auch so vorgespielt in den Medien. Von Herzen gerne,
      Isabel

  3. Liebe Isabel,
    danke für Deinen ganz tollen und so wichtigen Beitrag!!!
    Ich habe immer wieder Klientinnen, die selbst dann, wenn sie sich nach langer Zeit ein Herz gefaßt haben für ein Gespräch oder eine längere Begleitung, dies als lächerlich empfinden. Das sei doch ganz normal als Mutter … Umso wichtiger, hier ganz offen zu schildern, wann es nicht mehr ganz normal ist, und dass zum Beispiel ständige Kopfschmerzen, Migräneanfälle oder Tinnitus nicht normal sind, genauso wenig ständiges Müdesein oder Traurigsein.
    Es wäre so wünschenswert, dass wir Mütter früher ein Pause machen und uns „das Dorf dazu holen“, das hast Du so schön geschrieben.
    Liebe Grüße
    Sabine

    • Isabel Falconer

      Liebe Sabine,

      herzlichen Dank für Deine so wichtigen Worte! Wir haben noch viel zu tun, damit die von Dir beschriebenen Zustände gar nicht mehr auftauchen – weil das Dorf da ist und Mamas es auch selbstverständlich mit einbeziehen.

      Alles Liebe,
      Isabel

      • Liebe Isabel,
        ja, wir haben wirklich noch viel zu tun – als Mamas für uns selbst und andere und auch als Berater & Coaches beim Unterstützen anderen Mamas!
        Ich freue mich auch schon auf die gelebte Vision des Dorfes und des selbstverständlichen Einbezugs!
        Alles Liebe zurück, Sabine

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