Mamahormone – Brief einer Mama an ihr Baby

Geliebtes Kind. Ich sitze in der Küche, Eure Nudelteller stehen herum, die Malfarben liegen kreuz und quer verteilt. Bereits gestern hast Du Dich entschieden, dass Du wohl nun keinen Mittagsschlaf mehr brauchst (das letzte Wort ist noch nicht gesprochen!). Du bist ja jetzt ein Kindergartenkind. Und weil Du schon auf dem Spielplatz so müde warst, hab ich entschieden, allein aufzuräumen.

Vorhin habe ich Dich in den Schlaf geschaukelt. Das muss schon lang nicht mehr sein, musste es fast nie. Aber Du zahnst und Du schnupfst und wolltest Mama kuscheln. Exakt zwei Jahre ist es her, dass Du geboren wurdest. Genau an der Stelle, an der ich Dich vorhin in den Schlaf gekuschelt habe. An der Stelle, die heute Dein Schlafplatz ist.

Ich war nicht mutig – ich hatte eine Scheiß-Angst!

„Bist Du mutig“ haben sie mir gesagt, wenn ich von unserer Hausgeburt erzählte. Aber ich war nicht mutig, im Gegenteil. Ich hatte eine Scheiß-Angst! Angst, dass in einem Krankenhaus irgendetwas passieren würde, das ich nicht will. 

 

Du hast Dich eingeschlichen, früher als ich es geplant hatte. Lange schon riefen mein Herz und mein Bauch nach Dir. Aber der Verstand sagte, das ginge jetzt nicht. Die Selbstständigkeit. Die (teure) Weiterbildung. Der sterbenskranke Schwiegervater. Dein Papa Abend für Abend im Restaurant. Feiertags und am Wochenende. Und ich? Lag wochenlang schmerzgeplagt mit gebrochenem Rücken auf dem Fußboden. Konnte nur die nötigsten Wege gehen – zu meinen Walkingkursen und Beratungen. Zur Tagesmutter, um Deinen Brudi abzuholen. Erkannte die Zeichen, sie waren überdeutlich und laut.

Ich muss mich entschleunigen, dachte ich. Achtsamer werden, sagte ich. Und entschied: Nein, für ein Geschwisterchen ist kein Platz in meinem Leben. Es brach mir das Herz. Der Schlüsselmoment. Wenige Wochen später dann der totale Breakdown. Ich heulte und heulte und heulte. Warum? Das weiß ich heute nicht mehr. Bin heulend eingeschlafen und heulend aufgewacht. Konnte nicht sprechen, nicht essen, nicht atmen. Dein Papa und Dein Brudi holten mich bei meiner Seelenschwester ab. Ich schaffte es mit letzter Kraft die zwei Stockwerke hoch.

Um mein Bett versammelt: meine Eltern, mein Mann, meine Schwester. Zwei liebe Freundinnen. Sie kümmerten sich um Deinen Brudi. Ich delegierte die Helfer vom Krankenbett aus. Alle waren in schlimmster Sorge, haltlos überfordert, hatten Angst um mich und mein Leben. Kurz davor, den Notarzt zu rufen.

Angst vor einer postpartalen Depression

Von jetzt auf gleich brach ich alle Zelte ab. Die Dozentenstelle beim Mamaworkout. Meine Walkingkurse. Übergab das recht jung gegründete Geschäft meiner damaligen Partnerin.

Ich saß bei der Psychiaterin. Die leider völlig inkompetent war: „Therapie? Nein, das brauchen Sie nicht. Dafür sind sie viel zu aufgeregt. Nehmen sie erstmal ihre Beruhigungstabletten.“ 14 Tage später hatte sie mich erneut einbestellt, begrüßte mich mit den Worten: „Was wollen sie denn schon wieder hier? Da erhöhen wir mal lieber die Dosis, ich hab keine Lust, Sie in zwei Wochen wieder hier sitzen zu haben.“

Ich war wehrlos. Konnte gemeinsam mit Deinem Papa noch eine Haushaltshilfe durchsetzen. Setzte in Rücksprache mit einem Psychiater aus dem Bekanntenkreis die Psychopharmaka wieder ab. Und legte mich ins Bett.

Dünn war ich geworden, sehr dünn. Hatte über zehn Kilo verloren, ich bekam einfach keinen Bissen herunter. Konnte nicht Fahrrad fahren – ein Windstoß und ich kippte um. Schaffte die 300 Meter zum Park und zurück, mehr Bewegung war nicht drin. Sortierte, räumte um, mistete aus. Trank griechischen Bergtee. Und meditierte. Stundenlang.

 

Ich bin Dir oft begegnet in diesen Meditationen. Immer wieder sagtest Du: ich will zu Dir, Mami. Lass mich Dir helfen. Nein, antwortete ich. Ich muss erst gesund werden. Brachte Dich „da oben“ zu Deiner Omi, auf dass sie auf Dich aufpassen würde.

Wenige Monate später: der positive Schwangerschaftstest. Noch bevor ich Deinen Papi anrief, vereinbarte ich einen Termin bei der Hebamme. Wie sich herausstellte, passte es nicht zwischen uns. Ich hatte Angst. Angst, dass jemand Sachen mit mir macht, die ich nicht möchte. Dass ich mich nicht wehren kann. Angst, dass ich meine Selbstbestimmung verlieren würde, auch bei einer Hausgeburt. Ich fand tatsächlich in Woche 20 noch (wunderbaren) Ersatz.

Ich hatte Angst vor der Zeit mit zwei Kindern. Angst vor einer postpartalen Depression – eine vorangegangene Depression ist ein erheblicher Risikofaktor. Ich hatte so große Angst, dass ich lange darüber nachdachte, die Schwangerschaft abzubrechen. Angst Dir zu schaden, weil ich überhaupt diese Gedanken hatte und ob mein Stress Dir zusetzen würde.

Balsam auf mein verletztes Mutterherz

Dein Brudi kümmerte sich rührend um mich. Wollte mir schwere Taschen abnehmen. Jeden Abend küsste, streichelte und kuschelte er meinen Bauch. Er war so glücklich und das war Balsam auf mein gebrochenes Mutterherz, denn natürlich hatte ich auch Angst um ihn. Angst, dass er von dieser Erkrankung Schaden davon tragen würde. Dass er vielleicht selbst irgendwann erkranken würde.

Montag abends. Mein Bauch war schwer und hart, ich dachte, die Hose sitzt schlecht und kneift. Saß stundenlang am Tisch und malte Mandalas. Dein Papa hatte einen seiner seltenen Abende Ausgang. Rückversicherte sich mehrfach, ob es ok sei, wenn er mit einem Freund ins Kino geht.

Ich rechnete erst in 14 Tagen mit Dir – am 31.10. Es war ein Zahlendreher. Um 1 ging ich ins Bett. Um 3 wachte ich erschreckt auf: ohje, hab ich jetzt wirklich ins Bett gepinkelt? Nein, hatte ich nicht. Ich tigerte umher, duschte heiß und weckte irgendwann Deinen Papa. Er ließ sich nichts anmerken, aber ihn plagten wohl heftige Bauchkrämpfe ;-).
Esther, ich brauche jetzt Esther. Meine Freundin hatte mich fotografisch schon durch die Schwangerschaft begleitet. Ich vertraute ihr blind und wollte sie unbedingt da haben. Direkt nach dem Anruf war sie da, so fühlte es sich an, denn ich hatte mein Zeitempfinden verloren. Als sie kam, lag ich auf der Couch und weinte. Gab dir das GO, dass Du nun kommen kannst und verabschiedete mich von Dir, bis zu unserem baldigen Wiedersehen. Ich nahm weder sie noch ihre Kamera wirklich wahr.

Dein Brudi sprang aufgeregt um mich herum, Mami, ich geh jetzt auf KEINEN FALL von Dir weg. Er ließ sich dann doch bestechen, meine Freundin kam und führte ihn in den Legostore aus. Auch die Hebamme war da und begleitete mich die letzten 30 Minuten Deiner unfassbar anstrengenden und sehr schmerzhaften Geburt.

Ein Junge, rief ich völlig überrascht, wir hatten mit einem Mädchen gerechnet. Und dann: Der Brudi muss kommen. Vorsichtig schlich er mit großen Augen zu uns ans Bett. Bewunderte und untersuchte Dich, streichelte, küsste Dich sanft. Er durfte die Nabelschnur durchschneiden und hütet Dich seit diesem Moment wie seinen Augapfel.

Es wurde alles besser, seit Deiner Geburt. Keine postpartale Depression. Ich stieg wieder in den Beruf ein. Dein Papa ein ganzes Jahr zu Hause. Es war das schönste Jahr meines Lebens, so überfordert ich auch manchmal war. Und viele Wunden auf meinem Mamaherz konnten heilen.

Dein Opi starb. Endlich, sagten wir. Denn er war lange schon sehr schwer krank. Er wartete auf Dich und als Du sicher gelandet warst, konnte er loslassen. Ob er Dich auf dem Foto erkannt hat? Das wissen wir nicht. Aber Dein Papa war bei ihm, während seiner letzten Atemzüge. Hielt seine Hand, als sein Herz aufhörte zu schlagen. So wie er meine hielt, als Du geboren wurdest.
Du hast mir heute so einen Schreck eingejagt, als Du auf die Straße gerannt bist. Eine Millisekunde in die falsche Richtung geschaut. Zum Glück war das Auto noch weit genug entfernt. Der gleiche Schreck wie an Weihnachten vor zwei Jahren, als wir mit unterirdischer Sauerstoffsättigung in der Kinderklinik ankamen. Eine Lungenentzündung, die wenige Stunden später Deinen sicheren Tod bedeutet hätte.

Wie schön, dass Du geboren bist! Wir hätten Dich sonst sehr vermisst.

Wie schön, dass Du bei uns bist, mein Sohn. Mein Engel. Mein Sonnenschein. Alle lieben Dich und Du liebst das Leben und ich bitte Dich inständig: gehe nicht vor mir. Bleibe hier! Das Leben ist zu kurz – auch das habe ich durch Dich verstanden und einen Vertrag mit mir selbst geschlossen: egal wie schlimm eine mögliche weitere depressive Episode sein möge … Ich gehe nicht. Ich bleibe hier. Bis meine Zeit gekommen ist und keine Sekunde vorher!

Von Herzen,
Deine Mama!

Alle Fotos in diesem Beitrag stammen von meiner Freundin Esther Mauersberger || Geburtsfotografie