Gewalt in der Geburtshilfe: Warum Rosen nicht reichen!

Erschöpfung und Überlastung von Müttern, Burnout und Depressionen, traumatische Geburt verarbeiten

Es wäre mir lieber, wenn ich diesen Beitrag nicht schreiben müsste, aber bis dahin dauert es wohl noch eine Weile. Am 25.11. ist internationaler Tag gegen Gewalt. In diesem Rahmen bekommt das Thema Gewalt gegen Frauen ein Forum. Denn Gewalt gegen Frauen (und ihre Kinder) findet auch in der Geburtshilfe statt.

Die Respektlosigkeit und Gleichgültigkeit, die Gebärende, werdende Väter, ihre Babys und auch das Personal in der Geburtshilfe erfahren, hat langfristig verheerende Auswirkungen auf die körperliche und emotionale Gesundheit aller Beteiligten. Psychische Erkrankungen bei Müttern, Anpassungsstörungen bei den Babys, verringerte Bindungsfähigkeit auf beiden Seiten können dramatische Folgen davon sein. Nicht zu vergessen der hohe Druck und die kaum zu leistende Arbeitsbelastung, denen Geburtshelfer ausgesetzt sind und die sie nicht selten dazu veranlassen, sich beruflich umzuorientieren. Klar, dass ich an der Blogparade Each Woman is a rose – warum unsere Geburten so wichtig sind #rosrev von Nora Imlau teilnehme.

Hausgeburt? Du bist aber mutig!

Ich selbst habe zwei weitestgehend selbstbestimmte Geburten erlebt und diese als schön in Erinnerung behalten. Mein Erstgeborener kam im Geburtshaus zur Welt. Für die Geburt des Nesthäkchens bin ich dann direkt zu Hause geblieben. Beim zweiten Mal war die Hebamme nur knappe 40 Minuten anwesend. Und obwohl wir vorab ausführlich über meine Wünsche und Bedürfnisse gesprochen hatten, hielt sie sich nicht daran. Wiederholte vaginale Untersuchungen und häufiges Abhören der Herztöne fand ich äußerst unangenehm und brachten mich aus meinem Rhythmus. Nach sieben Stunden heftiger Wehen war ich jedoch nicht mehr in der Lage, für meine Belange einzustehen. Und welcher Mann widerspricht schon einer Birth Professional?

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Wenn ich von meiner Hausgeburt erzählte, hörte ich oft: „Du bist aber mutig, das würde ich mich nicht trauen!“ Aber Mut war nicht mein Antrieb, es war Angst! Angst, dass im Klinikkreißsaal Dinge mit mir passieren, die ich nicht kontrollieren könnte, dass ich Übergriffigkeit und Entmündigung erfahren würde. Dass meine körperliche Integrität und die meines Babys verletzt werden könnten. Ein Glück, dass ich die Hebamme erst so spät rufen ließ: in der Nacht fanden noch zwei weitere Geburten statt, sodass das Hausgeburtsteam voll ausgelastet war. Hätte ich sie früher gerufen – sie hätte mich ins Krankenhaus verlegt, so sagte sie mir später. Und obwohl ich eine (weitestgehend) selbstbestimmte, sanfte Geburt erlebte, so hatte ich dennoch danach eine Weile daran zu kauen. Im Nachgespräch sagte meine Hebamme dazu, jede Geburt müsse verarbeitet werden. Von Mutter und Kind. Das half mir sehr, denn ich verstand nicht, was mit mir los war – es gab keine Komplikationen, keine Interventionen…

Seit knapp fünf Jahren arbeite ich mit Müttern und ihren Babys und Kleinkindern. Und habe in dieser Zeit herzzerreißende, kaum auszuhaltende Geburtsberichte gehört. Und vor allem: die Auswirkungen auf Mutter und Kind gesehen, die sich auch Jahre später noch zeigen. Bis ins Erwachsenenalter, wie ich während meiner Selbsterfahrung im Rahmen der Ausbildung zur Krisenbegleiterin am eigenen Leibe feststellen musste. Dass Eltern sich auch Jahrzehnte später detailgenau an die Geburt ihres Kindes erinnern und mitunter höchst emotional reagieren, kann jeder mit einer einfachen mündlichen Befragung in seinem Bekanntenkreis belegen.

„Das schafft doch jede Kuh auf der Weide“

Zwischen den Geburten meiner beiden Kinder liegen vier Jahre. Allein in diesem Zeitraum hat sich die Situation in der Geburtshilfe dramatisch verschärft. Freiberufliche Hebammen geben wegen horrender Haftpflichtprämien die Geburtshilfe auf oder schulen gar ganz um. Kleinere Kreißsäle werden geschlossen und in den größeren Abteilungen haben weniger Geburtshelfer mehr Frauen zu betreuen. Diese Situation ist für alle Beteiligten frustrierend! Und während werdende Eltern in dieser super-sensiblen und verletzlichen Phase keine Kapazitäten aufbringen können, sind Geburtshelfer damit beschäftigt, an den hohen Arbeitsbelastungen und der geringen Bezahlung nicht ins Burnout zu rutschen. Kaum ein Thema ist so emotional belegt, wie der Umgang mit unseren Kindern im Allgemeinen und der Akt der Geburt im Speziellen.

Natürlich will das “Kollektiv Gesellschaft“ seinen Teil dazu beitragen, dass der Nachwuchs wohlbehalten auf dieser Erde landet und hier sicher und behütet aufwächst. Vor meiner ersten Geburt dachte ich: „Das schafft jede Kuh auf der Weide, warum also nicht auch ich?“ Nur: Kühe haben eine andere Anatomie als wir Menschen. Ihr Beckenausgang ist erheblich weiter und die Köpfchen der Kälber sind verhältnismäßig kleiner, als die unserer Menschenbabys. Und: es sterben immer mal wieder auch Säugetiere unter der Geburt. Wenn etwa ein Tierarzt das nicht verhindern konnte. Die Interventionsmöglichkeiten, die unserer modernen Medizin zur Verfügung stehen, können Leben retten. Von Mutter UND Kind! Unsere moderne Medizin ist ein Segen, wenn sie nicht inflationär und zum Selbstzweck eingesetzt wird. Technologien und Medikamente werden vom Menschen bedient und es ist wünschenswert, dass diese ihre Entscheidungen besonnen (und ausgeruht!) im Sinne des Patienten treffen können. Und nicht auf Grund von Zeitdruck, finanziellen Erwartungen oder aus Überforderung.


dsc0073-kopieIn der Debatte um die Lage der Geburtshilfe fällt mir immer wieder auf, wie hitzig und emotional die Diskussionen geführt werden. Als damals die Petition an unseren Bundesgesundheitsminister mit den Worten startete: „Lieber Herr Gröhe, retten sie unsere Hebammen!“ unterzeichnete und teilte ich zwar fleißig – aber mir war von vornherein klar, dass diese Aktion nicht von großem Erfolg gekrönt sein würde. Ich dachte mir, der lacht sich doch da oben in seinem Ministerium ins Fäustchen. Viele der zahlreichen Aktionen, die im Rahmen #sichereGeburt gestartet wurden, haben das Räucherstäbchen-Image des Hebammen-Berufsstandes leider nur mehr untermauert. Das Verhältnis der männlichen und weiblichen Kräfte ist – wie so oft in unserer Welt – nicht ausgewogen. In diesem Falle aber ausnahmsweise mal in die andere Richtung. Ich befürchte, Rosen reichen nicht! Aufmerksamkeit und Interesse sind da (und können immer mehr sein) jetzt geht es aber um die Bereitschaft, etwas zu verändern. Damit Verantwortliche in Politik und Gesundheitswirtschaft dazu bewegt werden, die Menschlichkeit in ihren Entscheidungen mit oberster Priorität zu behandeln, müssen wir eine andere Sprache sprechen, eine, die sie verstehen. Eine, die man nicht mit ein bisschen Man-Splaining aus dem Hemdsärmel geschüttelt, mundtot macht. Was nötig ist, ist nicht weniger als ein Paradigmenwechsel in unserem Gesundheitssystem (allgemein und speziell am Anfang und Ende des Lebens). Ein Umdenken, das das Wahren der persönlichen Integrität von Mitarbeitern im Gesundheitswesen einerseits und Patienten andererseits in den Vordergrund stellt und als den größten Profit begreift.

Eigenverantwortlichkeit als Patient

Mein Schwiegervater lag nach langer, schwerer Krankheit im Sterben als ich hochschwanger war. Was wir auf den Stationen erlebten, brachte mich an den Rande meiner Belastbarkeit, denn es stand seinem Wunsch nach einem friedlichen Ende diametral entgegen und hat sein Leid verlängert statt verringert. Aber ich habe etwas Wesentliches dort gelernt: nämlich, dass man die Eigenverantwortlichkeit für sich und seine Angehörigen nicht an der Klinikpforte abgeben darf! Dass man Zweitmeinungen einholen kann, das Recht auf Fragen und Antworten hat, man einer Behandlung nicht zustimmen muss – und auch, dass je freundlicher man mit dem medizinischen Personal umgeht, umso offener und menschlicher wird die Antwort! Wie es in den Wald schreit…

Als Einzelne:r kannst Du eine ganze Menge tun, um Dich für eine menschlichere Behandlung in Schwangerschaft und Geburtshilfe und der Wochenbettzeit einzusetzen:

  • Du kennst eine Schwangere? Dann begegne ihr mit offenem und ehrlichem Interesse! Was sind ihre Sorgen, Ängste und Nöte und wie kannst Du sie unterstützen?
  • Du bist selbst schwanger? Suche Dir gute Verbündete! Solche, die Dir mit offenem und ehrlichem Interesse begegnen oder bereits eigene Erfahrungen gemacht haben. Kennen sie Deine Sorgen, Ängste und Nöte und können sie Dich unterstützen? Informiere Dich und lasse Dich von guten Fachleuten begleiten, die Deine Bedürfnisse ernst nehmen! Stehe für Deine Rechte und die Deines Kindes ein und suche Dir enge Vertraute, die Dich dabei unterstützen.
  • Du arbeitest mit Schwangeren und Müttern? Dann bilde Dich regelmäßig fort und weiter. Kläre Deine eigenen Themen, die sich etwa in wiederkehrenden Konflikten mit Klienten oder Kollegen oder auch den eigenen Finanzen zeigen. Übe Dich in Achtsamkeit, Präsenz, Offenheit, Respekt, Wertschätzung und Menschlichkeit, damit Du die Sorgen, Ängste und Nöte Deines Gegenübers wahrnehmen kannst. Lasse Dich begleiten, wenn Du alleine nicht weiter kommst.
  • Du willst Dich für eine #sichere und #gerechteGeburt einsetzen? Hier einige Initiative, Aktionsgruppen und Vereine:
    Roses Revolution
    Mother-Hood e.V.
    Hebammen für Deutschland
    Happy Birthday
    Erzählcafés “Start ins Leben”
    Human Rights in Childbirth
    Initiative Gerechte Geburt
    Green Birth e.V.
    Schatten und Licht e.V.

Zum Schluss interessiert mich brennend folgende Frage: Was muss aus Deiner Sicht geschehen, damit Menschlichkeit, Respekt und Wertschätzung wieder oberste Priorität im medizinischen Alltag und in der Gynäkologie und Geburtshilfe bekommen? Was kann jede:r Einzelne tun, um dieses Ziel zu erreichen? Ich freue mich auf Deine Ideen und Impulse in den Kommentaren!

Von Herzen,

Isabel Falconer

P.s.: Wenn Du eine Geburtserfahrung verarbeiten oder die nächste besser vorbereiten möchtest, vereinbare gerne einen Termin mit mir, und wir klären in einem kostenfreien Vorgespräch, wie ich Dir helfen kann.

Ebenso gerne begleite ich Dich, wenn Du mit Eltern in der Schwangerschaft oder nach der Geburt arbeitest. Wenn Du Dein Projekt starten oder auf die nächste Stufe heben willst, melde Dich gerne und teile Deine Begeisterung mit mir! Gemeinsam überlegen wir die nächsten Schritte.

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Die im Beitrag gezeigten Bilder zeigen mich bei der Geburt meines zweiten Sohnes und stammen von Esther Mauersberger | Geburtsfotografie.

2 Kommentare

  1. Liebe Isabel,
    ich liebe Deine leidenschaftlichen Beiträge! Heute bin ich ziemlich erschlagen von der Wucht dieses Themas und habe einfach nur die Frage „Wo soll man da bloß anfangen??“. Es krankt an so vielen Stellen, im Gesundheitssystem, aber auch im gesamtgesellschaftlichen System. Gewalt erzeugt Gewalt. Die meisten Menschen, die Gebärende betreuen, haben mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst Gewalt in irgendeiner Form erlebt – und das schon bei ihrer eigenen Geburt. Es ist ein Teufelskreis, den wahrscheinlich nur wir Frauen durchbrechen können, indem wir lernen unseren Wahrnehmungen zu vertrauen und sie laut auszusprechen. Die Dinge beim Nahmen zu nennen, Gewalt beim Namen zu nennen. Aber wie gesagt, heute muss ich erst einmal diese Flut an grausamen Berichten verdauen – um morgen hoffentlich wieder kämpferischen Mutes zu sein. 🙂
    Alles Liebe, Melanie

    • Isabel Falconer

      Ich danke Dir! Und bin ganz bei Dir: diesen Teufelskreis können und müssen wir Frauen durchbrechen. Die Geschichte zeigt ja auch in anderen Fällen, dass es eben sonst keiner für uns tut (warum auch 😉 ).
      Lieben Gruß und ich freue mich auf eine gut erholte Kämpferin

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