Erinnerung. Gastbeitrag zur Blogparade von Ulrike Schrimpf

Der heutige Artikel ist ein Gastbeitrag zur Blogparade Mama ausgebrannt – Wege aus der Krise. Ich freue mich sehr, dass Ulrike Schrimpf ihre Erinnerung mit uns teilt. In 2013 hat sie ihr Buch „Wie kann ich Dich halten, wenn ich selbst zerbreche? Meine postpartale Depression und der Weg zurück ins Leben“ (1) veröffentlicht und damit einen wesentlichen Beitrag geleistet, das Thema ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Heute hat sie ihre Depression überwunden und nimmt uns mit auf eine Rückschau. Sie arbeitet mittlerweile als Kinder- und Jugendbuchautorin.

„Erinnerung

Heute sah ich für einen Moment aus der Ferne unseren beiden jüngeren Söhnen Michael und Felix beim Spielen zu. Michael hüpfte rufend und lachend um Felix herum, der auf einer Wiese hin- und herkrabbelte und sich ab und zu entschlossen ein Gänseblümchen in den Mund stopfte. Da wurde ich mit einem Mal von Glück und Dankbarkeit übermannt! Dass ich einmal so froh und im Reinen mit mir und meinem Leben wäre, hätte ich mir vor fünf Jahren nicht vorstellen können. Damals war ich nach der Geburt von Michael an einer postpartalen Depression erkrankt, die mich ins Krankenhaus und auf eine lange Reise der Genesung, der – auch beruflichen – Neuorientierung und des Umdenkens führte. Mein Perfektionismus, mein Übermaß an Empathie und mein Unvermögen, mich abzugrenzen, hatten mich immer tiefer in ein dunkles Loch der Trauer und Verzweiflung getrieben. Auch begünstigten gewisse Lebensumstände meine Erkrankung: Mein geliebter Vater, der leider mittlerweile verstorben ist, war schwer erkrankt, ich hatte gerade erst die schwierige Trennung von meinem ersten Mann verwunden und war schwanger recht spontan von Berlin nach Wien gezogen, in ein neues Land und eine neue Stadt zu einem Mann, den ich zwar liebte, aber noch nicht lange kannte. Von giftigen Selbstzweifeln wurde ich zerfressen: Ich fürchtete permanent, meinen Kindern keine gute Mutter zu sein und fühlte mich als grundlegend wert- und nutzloser Mensch, der es nicht verdient hatte, geliebt zu werden. Zu allerletzt von mir selbst! Ich sah keinen Sinn mehr im Leben, nur Qualen und Schmerz. Gleichzeitig war ich ständig unruhig, schlief schlecht, hatte keinen Appetit, erlitt Panikattacken. Immer öfter dachte ich, dass es einfacher wäre, zu gehen und nicht mehr wiederzukommen. Zu sterben. Am Ende schlief ich mehrere Nächte am Stück nicht mehr und wusste mir schließlich nicht mehr anders zu helfen, als mich ins Krankenhaus einweisen zu lassen. Es war eine furchtbare Zeit!

Trotzdem bin ich heute in gewisser Weise froh und dankbar, dass ich diese Krise erlebt habe: Ohne sie wäre ich vielleicht nie Autorin geworden – ein Beruf, der mich endlich so erfüllt, fordert und glücklich macht, wie ich es mir mein Leben lang gewünscht habe.

Außerdem hätte ich ohne meine Erkrankung möglicherweise nie ein so selbstgewisses Gespür dafür entwickelt, was ich für meine körperliche und seelische Gesundheit brauche, und auch nicht die Fähigkeit, für diese Dinge zu kämpfen: für mein Schreiben, Bücher, Sport, für den Abstand von gewissen Menschen, menschliche und künstlerische Freiräume, das Recht, auch mal schwach zu sein und mich fallen zu lassen.

Nicht zuletzt wäre ich ohne die postpartale Depression vermutlich nie eine so entspannte und unbeschwerte Mutter geworden, wie ich es heute mit unserem dritten Sohn Felix und für alle drei Söhne bin! Felix ist 2015 auf die Welt gekommen, und nach seiner Geburt bin ich nicht erkrankt – ebenso wenig wie nach der Geburt unseres ersten Sohnes Johannes übrigens. Denn eine postpartale Depression ist eine episodenhafte Krise, die, wenn sie behandelt wird, sehr gut heilbar ist und bei der Geburt eines weiteren Kindes nicht wiederkommen muss. Zum Glück!

Was mir in der Krise geholfen hat? Drei wunderbare Ärztinnen und Therapeutinnen, denen ich allen bis heute verbunden bin, und die mich alle drei darin bestärkt haben, ein drittes Kind zu bekommen. Antidepressiva. Eine Verhaltenstherapie.

Mein Erfolg als Kinder- und Jugendbuchautorin. Menschen, die mich fraglos und mit Zuneigung unterstützt haben. Die unerschütterliche, treue Liebe meines Mannes. Meine drei tollen Kinder. Der Lauf der Zeit. Das Leben.“

 

(1) Schrimpf, U. (2013). Wie kann ich Dich halten, wenn ich selbst zerbreche? Meine postnatale Depression und der Weg zurück ins Leben. München: Südwest Verlag.

p.S.: Der vorherige Beitrag zur Blogparade kommt von Katja Schönefeld. Im Artikel Einhornpower – Der Wahnsinn ist manchmal so nah schreibt sie über ihre Erfahrungen mit derartigen Gefühlen und wie sie seitdem damit lebt.