Depressionen bei Mamas – das Schweigen brechen

Als ich im Mai auf meiner Facebookseite das obige Foto mit einem kurzen Text veröffentlichte, ahnte ich nicht, welche Welle es schlagen würde. Dieser Post hat – mit Abstand – die beste Reichweite seit Start meiner Seite erzielt und fast 800 Reaktionen in Form von Likes, Kommentaren oder shares bekommen.

Mein Mut, mich mit einer Momentaufnahme aus der Zeit meiner Erschöpfungsdepression so verletzlich zu zeigen und von meinen dunklen Momenten zu erzählen wurde mir „belohnt“: durch die zahlreichen Reaktionen sah ich einmal mehr, wie sehr das Thema vielen unter den Nägeln brennt und dass offensichtlich darüber gesprochen werden muss. Seit Start meines Blogs in 2016 kreise ich immer wieder um die Themen Erschöpfung, Burnout und Depressionen bei Mamas. Habe Schritte darauf zu gewagt und bin aber auch immer Schritte zurück getreten. Warum? Weil es ein Thema ist, das nicht nur sehr heikel ist, sondern einem ganz schön Angst einjagen kann.

Auch mir, immer noch. Denn ich weiß, wie lebensbedrohlich diese Erkrankungen für Betroffene sein und auch deren Angehörigen mächtig Angst einjagen können. Ich weiß auch, welches Stigma psychischen Erkrankungen immer noch anhaftet. Und ich weiß, wie bescheiden sich eine Depression anfühlt: Wenn einem nichts mehr Freude bereitet, nicht einmal mehr die eigenen Kinder. Wenn schon einfachste Aufgaben wie Haare waschen die größte Mühe bereiten. Wenn man sich wünscht, einfach nicht mehr da zu sein. Hier unten auf dieser Erde. Oder lieber „da oben“ im Himmel wäre. Wenn alles einfach nur noch anstrengend ist. Wäsche waschen. Einkaufen. Spazierengehen. Die Kinder zu versorgen. sie auszulasten, ihnen Essen zuzubereiten und vor allem: abends die Geduld und die Nerven zu behalten, wenn sie vor dem Schlafen obligatorisch noch einmal aufdrehen, sich einen Spaß daraus machen, vor Zahnbürste und Waschlappen wegzulaufen oder noch ein weiteres Buch lesen wollen – obwohl Mama einfach nur noch Ruhe braucht.

Depressionen sind ein heikles Thema

Alles Dinge, die für Eltern eigentlich völlig selbstverständlich sind. Die in einer Depression aber zu einer übermächtigen, kaum erfüllbaren Herausforderung werden können.

Depressionen und Burnout sind ein heikles Thema, schrieb ich oben, denn diese Erkrankungen können tödlich verlaufen: sie bergen das (unterschätzte?) Risiko des Suizids, der Selbsttötung.

Der Suizid einer jungen Mutter im entfernten Bekanntenkreis war bei mir damals der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. Die Nachricht bekam ich während eines Workshops, brach vor der Gruppe zusammen, wurde glücklicherweise von dieser aufgefangen, weinte viele Tränen, fuhr etwas stabilisiert nach Hause, rauschte Tage später in den Beerdigungszug hinein … und merkte: da stimmt was nicht mit mir.

Nicht, dass ich das nicht schon vorher gewusst hatte: Die Pflege meines schwerkranken Schwiegervaters, ein junges Unternehmen im Aufbau, der Mann beruflich viel unterwegs, mein Kleinkind zu Hause, die (emotional sehr aufwühlende) Ausbildung zur Krisenbegleiterin, meine Dozentenstelle. Ich rannte sehenden Auges in mein eigenes Verderben. Fuhr mit 200 Sachen auf der linken Spur der Autobahn, als mir der Reifen platzte. Ich kam mit ein paar Knochenbrüchen und einem Totalschaden davon. Und mit einem gehörigen Schreck: ich hatte dem Tod ins Auge geblickt. Meinem eigenen.

Die Erkenntnis traf mich, als ich bemerkte, wie ich mich übermäßig mit dieser Frau solidarisierte. Ich fragte mich:

„Wie schlecht muss es Dir gegangen sein, dass Du Deine Familie hier zurück gelassen hast?!“

Über den Tod wird nicht gern gesprochen bei uns. Über Suizid erst recht nicht. Er jagt den Leuten eine Scheiß-Angst ein, ich glaube, das ist der Grund, warum das Thema so tabuisiert wird. Bei öffentlichkeitswirksamen Suiziden, beispielsweise von Prominenten oder am Ende spektakulärer Suchaktionen nach Vermissten, berichten Zeitungen oft mit dem Hinweis: Für gewöhnlich berichten wir nicht über Suizide, da die Berichterstattung eine hohe Nachahmerquote hat. Das war schon beim Werther so: Goethe entfachte einen Skandal mit der Veröffentlichung seines melancholischen Meisterwerks.

Die Zahl der Suizide hat sich seit 1980 um mehr als ein Drittel reduziert, was ich auf eine verstärkte Aufklärung und Information der Bevölkerung sowie schnellere Interventionen zurückführe. Unter den Betroffenen sind dreimal so viele Männer wie Frauen und in den deutschen Bundesländern schneiden Sachsen-Anhalt, Sachsen und Schleswig-Holstein besonders schlecht ab. Im Gegensatz zu NRW, Hamburg und Baden-Württemberg.

Durch Suizid sterben mehr Menschen als durch Verkehrsunfälle, Drogen und AIDS zusammen – wenn man sich das vor Augen führt und dann auch noch weiß, dass gerade Depressionen gut behandelbar sind, dann sind rund 10.000 Suizidopfer im Jahr ein Skandal. Ein Thema, über das dringend gesprochen werden muss. Weil es komplex begründet ist. Und weil es Vorsorge- und Hilfsmaßnahmen gibt, um die Zahl der Betroffenen noch weiter zu senken.

Depressionen: Das Schweigen brechen!

Es ist wichtig, weiterhin das Schweigen zu brechen. Mit dem Tabu und Stigma Schluss zu machen, das Depressionen und Burnout immer noch anhaftet. Damit Betroffene schnelleren Zugang zu Hilfsangeboten finden. Und damit Nicht-Betroffene über die Krankheit informiert sind, um die richtigen Maßnahmen zu ergreifen, wenn sie merken, dass einer ihrer Lieben Hilfe braucht.

Nach meinem Zusammenbruch delegierte ich meine Helfer vom Krankenbett aus. Keiner wusste so recht, was zu tun ist mit mir und nicht alle Fachleute glänzten mit ihren Fähigkeiten. Vorsorge ist besser als Nachsorge, mein absolutes Credo. Nur: wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, greifen die Vorsorgemaßnahmen nicht mehr. Da lässt sich kein Netz mehr aufbauen, da ist vielleicht Verdienstausfall, sodass eine Haushaltshilfe oder Babysitter kaum mehr finanziert werden können, da fehlt die Kraft, gesund zu kochen und für die Leibesertüchtigung. Anrufe bei Krankenkassen oder Therapeuten können zur Mammutaufgabe werden, ganz zu Schweigen von den Papierbergen. Da müssen andere einspringen, um zu helfen. Das ist ein Notfall, wie der oben beschriebene Crash auf der Autobahn.

Das Szenario einen Schritt weitergedacht: vielleicht wurden andere Personen durch den geplatzten Reifen in Gefahr gebracht. Ein Aufgebot an Rettungs- und Einsatzkräften, Bergungsfahrzeugen, die Unfallstelle weitläufig abgesperrt, Stau und Umleitungen. Vielleicht weitere Unfälle durch abgelenkte Fahrer verursacht. Vielleicht Knochenbrüche, Prellungen, innere Verletzungen, ein Schleudertrauma. Verletzungen, die vielleicht schnell heilen und man kommt mit einem Schreck davon. Man wird wetterfühlig an den Narben oder ist bewegungseingeschränkt. Vielleicht trägt man auch lebenslang die Folgen des Unfalls. In jedem Fall verändert es das Leben – ein großer Einschnitt!

Es hat nicht alles seinen Sinn im Leben! Du kannst nur zusehen, was Du daraus machst.

Falls Du gerade in einer scheinbar ausweglosen Situation steckst, möchte ich Dich ermutigen, Dir Hilfe zu holen! Sprich mit einer vertrauten Person darüber, wenn Du das Gefühl hast, dass sie Dir vielleicht helfen kann. Der Weg zu einem guten Hausarzt sollte an erster Stelle stehen, um verschiedene Laborwerte bestimmen zu lassen. Vitalstoffe (Vitamine, Spurenelemente, Minerale) und der Hormonstatus (Schilddrüse) könnten mit Deiner deprimierten Stimmung in Zusammenhang stehen.

Acht Wochen lang habe ich auf Anraten der Psychiaterin (nach einem fünfminütigen Gespräch!) es mit Antidepressiva versucht, die keinen Unterschied für meine Stimmung machten, aber fiese Nebenwirkungen hatten. Der Wechsel zu einem Hausarzt auf dem neusten Stand der Wissenschaft bewirkte innerhalb weniger Tage durch gezielte Gabe von Vitamin D und B12 eine erhebliche Verbesserung meines physischen und psychischen Gesundheitszustandes. So dass ich langsam wieder die nötigen Maßnahmen ergreifen konnte, mich zu nähren und zu stärken.

Professionelle Begleitung, zum Beispiel bei einer städtischen oder religiösen Familienberatung, dem Kinderschutzbund, karitativen Einrichtungen, Sozialpsychiatrischen Diensten, Seelsorgediensten, Kassentherapeuten, spezialisierten Beratern. In vielen Städten gibt es Selbsthilfegruppen.

Wenn es Dir akut gerade sehr schlecht geht, Du dunkle, lebensmüde Gedanken hast, kannst Du Dich an folgende Stellen wenden:

Telefonseelsorge (dem Link folgen)
Nummern:
☎ 0800 1110111
☎ 0800 1110222
☎ 116123

Rettungsdienst Tel. 112

Psychiatrische Ambulanz in Krankenhäusern und Kliniken.

Bei den Freunden für’s Leben findest Du außerdem umfangreiche Infos zur Hilfe und Selbsthilfe bei Depressionen und Suizidgedanken sowohl für Betroffene als auch für Angehörige.

Als Freund helfen

Wenn Du eine Depression bei einem Freund oder einer Freundin vermutest, bzw. davon weißt, sprich offen mit ihm oder ihr. Zeige, dass Du es ernst meinst, höre aufmerksam zu, bleib geduldig und verständnisvoll. Im Notfall, wenn akute Selbstgefährdung droht, handle schnell und informiere den Rettungsdienst und/oder die Polizei – genauso wie Du es bei einem Schlaganfall oder Herzinfarkt tun würdest! Unterstütze bei der Vereinbarung von Arztterminen und beim Finden eines Therapeuten. Es kann helfen, Deine/n Freund/in zu den ersten Gesprächen zu begleiten. Ebenso, wie Begleitung bei der Bewältigung und Gestaltung des Alltags. Signalisiere, dass Du Dich für Deine/n Freund/in interessierst, Dich um sein Wohlergehen sorgst und Hilfe leistest, wo Du kannst. Wenn Du unsicher bist, frage nach, was helfen könnte.

Ich danke Dir, dass Du diesen Text bis hierher gelesen hast und würde mich sehr, sehr freuen, wenn Du mich dabei unterstützt, dieses wichtige Thema weiter zu verbreiten, indem Du diesen Beitrag mit Deinen Freunden und Bekannten teilst, ihn an Betroffene weiterleitest, oder selbst darüber berichtest.

Wenn Du selbst gerade in einer dunklen Situation steckst, sei Dir meines aufrichtigen Mitgefühls gewiss und denk dran: es kommen bessere Zeiten – #LassDirHelfen!.

Von Herzen alles Liebe,

 

 

Ich arbeite gerade ein Handbuch aus, was gebündelt sämtliche Informationen über Hilfen für erschöpfte Eltern auflistet. Du willst bei erscheinen informiert werden? Dann trage Dich gerne in meinen Newsletter ein, und/oder abonniere meine Facebook-Page!