Dein Mutterkörper als Politikum

Im ersten Teil dieses Artikels habe ich wahrlich genug gemotzt, denn das breite Angebot in Werbung, Medien, Industrie spiegelt andererseits ja auch die große Nachfrage danach wider. Die Mitarbeiter in Krankenkassen und Kliniken machen auch nur ihren Job. Und die anderen Leute sind vielleicht ungeschickt, aber meinen es letztlich doch meistens gut mit uns. Du weißt vielleicht bereits, dass ich überzeugt davon bin: Veränderung im Großen beginnt (und endet) mit Veränderung im Kleinen. „Als Einzelner kann ich ja doch nichts bewirken?“, denkst Du vielleicht. Doch, eine ganze Menge!

Du kannst etwa Deine Kaufentscheidungen wohl überlegt treffen. Oder andere Medien konsumieren (tust Du ja bereits, Du liest schließlich hier). Du kannst dich bewegen und sportlich aktiv werden, weil es Dir selbst gut tut und ein gutes Gefühl gibt, statt einem irrwitzigen Körperideal zu folgen. Du kannst Dich entschließen, Dein Achselhaar wachsen zu lassen. Und mit Genuss das essen, was Dir schmeckt.

Du kannst offen und kompromisslos dazu stehen, dass Du Dich gegen Kinder entschieden hast. Du kannst eine Haltung annehmen, die sich die Frage nach dem Kinderwunsch sehr bestimmt verbittet. Du kannst Deinen Babybauch stolz und königlich durch die Gegend spazieren tragen und somit Bauchtatschern von vornherein entgegenwirken. Du kannst Dir genau überlegen, wo, mit wem und wie Du entbinden willst. Zum Beispiel einen Geburtsplan aufsetzen, oder eine erfahrene Person wie eine Doula zur Geburt engagieren, die Dich stärkt und schützt, wenn Du es nicht mehr kannst. Du kannst eine Haushaltshilfe bei der Krankenkasse durchboxen, oder sie selbst bezahlen, Partner, Freunde und Familie miteinbeziehen oder milde über das kurzzeitige Chaos im Haushalt nach der Ankunft des neuen Erdenbürgers hinwegsehen. Du kannst die Spuren, die Deinen Körper zeichnen als Ehrenabzeichen betrachten für die kleinen und großen Kämpfe, die Du in Deinem Leben schon ausgefochten hast. Und Dich frei machen von dem medial geprägten Bild des mütterlichen Idealkörpers, den uns Heidi Klum und wie sie alle heißen so vorleben.

Beziehe Position für Dich selbst!

Du kannst Position für Dich selbst beziehen und damit gut gemeinte und schlecht gelungene Rat-Schläge von vornherein verhindern. Oder milde über sie hinwegsehen. Indem Du Mitgefühl entwickelst. Für Dich selbst, aber auch für Dein Gegenüber. Du kannst stetig an Deiner eigenen Persönlichkeitsentwicklung arbeiten und dafür sorgen, dass Du eine immer bessere Version Deiner selbst wirst. Und den Perfektionsmus ablegst. Du kannst Deine körperlichen, emotionalen und mentalen Grenzen erkennen und sie bei Angriffen von außen freundlich aber mit Nachdruck verteidigen. Und das Spannende daran: auf wundersame Weise werden diese Angriffe seltener und weniger heftig, je klarer Du Position beziehst und je deutlicher Deine Haltung ist.

Du kannst Dir selbst gegenüber Milde, Sanftheit und Nachsicht walten lassen und Dir zugestehen, dass Veränderung Zeit braucht. Es hat immerhin auch eine ganze Weile gedauert, bis Du an diesen Punkt, an dem Du gerade stehst gelangt bist. Und es wird eine Weile dauern, bis Du die Ziele erreichst, die Du Dir jüngst gesteckt hast. Aber wenn Du weißt, wo Du hin willst, weißt Du auch, wofür Du gerade arbeitest. Du darfst Dir zugestehen, mit kleinen Schritten zu Deinem Ziel zu gelangen. Ordnung in Dein Leben bringen und Dich von Altlasten befreien. Du kannst Dich entscheiden, die Vergangenheit ruhen zu lassen, denn sie ist geschehen und damit nicht mehr veränderbar. Du kannst aber Dankbarkeit entwickeln für die Erfahrungen, die Du gemacht hast. Und von diesen für die Zukunft lernen. Du kannst Deine Zukunftsängste ablegen, denn Du weißt nicht, was einmal passieren wird. Du kannst Deine Angelegenheiten im Hier und Jetzt regeln und sehr genau auf Dein Herz, auf Dein Bauchgefühl und auch auf Deinen Verstand hören. Denn alle drei haben Dir etwas Wichtiges zu sagen.

Dein Körper: Tempel Deiner Seele

Du kannst innere Abrüstung betreiben, etwa indem Du Vorurteile ablegst und Dein Herz und Deinen Verstand offen hältst für Vielfalt, Toleranz, Mitgefühl und Nächstenliebe. Indem Du destruktiven Gefühlen ihm gegenüber Einhalt gebietest und sie transformierst bzw. konstruktiv kanalisierst. Und vor allem, indem Du Deinem Körper als Tempel Deiner Seele ganz viel Liebe, Zuwendung und Fürsorge zukommen lässt. Indem Du auf seine erst leisen, dann lauten Botschaften hörst. Ihn gut nährst und pflegst und ihm das gibst, was er gerade braucht. Indem Du ihm dankst, dafür, dass er tagtäglich 24-Stunden Nonstop für Dich arbeitet und Dir damit Dein Leben auf dieser Welt ermöglicht. Dafür, dass er Kindern Leben geschenkt hat. Oder sich monatlich reinigt, um zukünftigen Kindern ein Zuhause zu bieten. Oder vielleicht auch, indem er Dich vor Erfahrungen bewahrt hat, die für Dich gar nicht vorgesehen waren.

Stelle Dich doch einmal vor den Spiegel – wenn Du Dich traust, sogar nackt. Was siehst Du dort? Wofür kannst Du Deinem Körper hier und heute danken? Und falls Dein innerer Kritiker sagt: Du seist zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn, zu laut, zu leise, zu hell, zu dunkel – und dies und das und jenes hast Du nicht geschafft… Dann sage ich:

Du bist Du! Einzigartig wunderbar. Du bist ein Geschenk für diese Welt. Pack es aus und erfreue Dich daran.

In diesem Sinne von Herz zu Herz,

Unterschrift

p.S.: Auch dieses wunderschöne Bild hat die liebe Esther von Geburtsfotografie von mir gemacht – etwa in der 20. Schwangerschaftswoche.