Babys haben auch Gefühle – Brief eines Babys an seine Mama

Geburtstrauma beim Baby liebevoll begleiten und verarbeiten, wenn Babys nach der Geburt viel schreien oder weinen

Liebe Mama,

Du bist für mich die wundervollste Frau auf Erden! Damals, bevor ich bei Euch gelandet bin, kam ich schon mal zu Besuch. Nachts schaute ich durch Euer Schlafzimmerfenster und als ich Dich und Papa so sah, wusste ich sofort: hier bin ich endlich angekommen. Ich musste noch ein bisschen warten, aber ich hatte Glück: ich durfte ganz nah bei Dir sein und Du zeigtest mir schon mal Deine Welt. Deine Welt, die später auch meine werden sollte. Ich konnte Deine wunderschöne Stimme hören und Deinen Herzschlag. Es war warm und leicht und ich war bestens versorgt. Ich musste mich um nichts kümmern, sondern konnte spielen. Das war mein erstes Zuhause und es war wunderschön.

Die Reise geht los

Irgendwann wurde es mir zu eng und Du sagtest mir, dass es nun so weit sei: endlich dürften wir uns kennenlernen und so machte ich mich auf die Reise. Ich war aufgeregt, denn ich wusste nicht, was mich erwartet. Und ich war auch traurig, denn ich musste mein erstes, so lieb gewonnenes Zuhause verlassen. Du sagtest mir, es würde alles gut werden und dass wir diese Reise zusammen antreten. Du sagtest mir, wie sehr Ihr Euch alle auf mich freut. Ich musste durch einen langen Tunnel, es dauerte lange und es war sehr eng und anstrengend. Ich hörte Dich schreien und auf einmal wurde alles so hektisch und aufgeregt. Irgendwas war an meinem Kopf und es tat weh und dann zog mich jemand ganz schnell raus aus dem Tunnel. Ich bekam Angst: es war kalt und hell und so viele Menschen da, es schaukelte und dann brachten sie mich von Dir weg. Ich hörte Dich weinen und ich musste auch weinen. Irgendwas kaltes war an meinem Körper, dann wurde ich gewaschen und man zog mir Kleidung an. Eine gefühlte Ewigkeit dauerte es, bis ich endlich bei Dir war. Zum ersten Mal konnte ich Dich sehen. Du bist so eine wunderschöne Frau und in Deinen Armen schmolz ich dahin. Und tue es heute noch.

Nach ein paar Tagen Trubel im Krankenhaus durften wir dann endlich nach Hause. Du zeigtest mir die Wohnung, wir kuschelten im Bett, manchmal kamen andere Leute zu Besuch und manche wollten mich anfassen. Ich merkte, wie Du immer angespannt wurdest, wie Du mich festhieltest und vor allem: wie Du mit Deinen Gedanken gar nicht richtig bei mir warst. In solchen Momenten bekam ich es immer mit der Angst zu tun – denn ich wusste gar nicht, was jetzt passiert und ob das nun gefährlich für mich werden würde. Wir gingen nun auch öfter mal raus an die frische Luft. Manchmal gingen wir spazieren und ich konnte mich ganz eng an Dich kuscheln in diesem weichen Tragetuch. Das war fast so wie früher, in meinem ersten Zuhause, damals, als ich den ganzen Tag lang bei Dir war und Deinen Herzschlag hörte. Noch heute höre ich gerne Deinen Herzschlag, denn dann weiß ich: alles ist gut.

Aufregende, neue Welt

Diese Ausflüge sind aber auch aufregend für mich: die lauten Geräusche, wenn ein Hund bellt, ein Krankenwagen vorbeirast, oder wenn zwei sich auf der Straße lautstark streiten. Dann schlägt Dein Herz schneller und auch meins. Meistens schlafe ich, wenn wir draußen sind. Aber mit einem Ohr lausche ich trotzdem, denn ich muss immer wissen, dass Du noch da bist. Und wenn wir dann abends nach Hause kommen, dann würde ich die Aufregung des Tages am liebsten abschütteln. Der Schreck vom bellenden Hund, vom vorbeifahrenden Krankenwagen und von den Spannungen des Streits sitzt mir noch tief in den Knochen. Und da soll er raus. Denn er erinnert mich an etwas.

Deswegen fange ich dann an zu weinen. Erst leise, es hört sich an wie ein Quengeln. Du bietest mir Deine warme, weiche Brust an, damit ich Milch trinken kann. Ich habe eigentlich gar keinen Hunger und Durst auch nicht – aber an Deiner Brust zu saugen beruhigt mich so schön. Viel Milch spritzt mir in den Mund und ich verschlucke mich. Das erschreckt mich und es ärgert mich auch. Wenn Du merkst, dass ich eigentlich gar nicht trinken will, dann läufst Du mit mir auf dem Arm herum. Du schuckelst mich und ein bisschen hilft es mir, mich zu beruhigen. Als würde der Schreck aus meinen Knochen geschuckelt werden. Du trägst mich im Fliegergriff, was zwar für mein Bäuchlein sehr angenehm ist (und sicher auch für Dich, wenn Dir die Arme schwer werden). Aber ich kann Dich nicht sehen und ich kann auch Deinen Herzschlag nicht hören. Und ich schaffe es nicht, mich richtig zu beruhigen. Ich weine vielleicht nicht mehr, aber entspannen und einschlafen, das kann ich noch nicht.

Der Schreck, der mir in den Knochen steckt, sitzt deutlich tiefer. Denn ich muss mich immer wieder daran erinnern, wie sie mich aus dir rausgezogen haben. Wie sie mich von Dir weggetragen und mit vielen Händen angefasst haben, wie sie mich wuschen und mir Kleidung anzogen. Wie ich nicht wusste, wo Du bist, ich konnte Dich nicht sehen, nicht hören, nicht riechen. Es dauerte für mich eine Ewigkeit, bis sie mich Dir endlich in den Arm legten, ich Dich kennenlernen durfte und bei Dir trinken. Die Tage nach meiner Geburt waren auch nicht so schön. Im Krankenhaus war es hektisch; immer wieder kam jemand herein, fasste mich an, trug mich weg, machte irgendwelche Sachen mit mir. Ich war froh, als wir endlich in unserem sicheren Zuhause waren. Erst irgendwann schlafe ich ein. Wenn ich erschöpft bin.

Ich bin auch manchmal wütend

Wenn wir zwei alleine sind, weinst Du öfter mal. Manchmal einfach so. Ich habe Dich mit der Hebamme reden hören, wie Du ihr erzähltest, dass Du traurig bist wegen unserer Geburt. Manchmal weinst Du aber auch mit, wenn ich weinen muss. Du sagst mir dann, dass Du mich nicht verstehst und dass Du nicht weißt, wie Du mir helfen kannst.

Liebe Mama, ich bin zwar noch klein, aber ich fühle so wie Du. Manchmal erschrecke ich mich und bekomme Angst. Manchmal bin ich wütend oder traurig.  Darüber, dass sie mir nicht die Zeit gelassen, in meinem Tempo auf die Welt zu kommen. Darüber, dass sie mich Dir weggenommen haben und ich nicht zuerst in Deine Arme, meinen sicheren Hafen durfte. Darüber, dass sie mit Dir geschimpft haben: dass Du Dich nicht so anstellen solltest, dass Du jetzt pressen und jetzt nicht pressen solltest und dass sie Dir gedroht haben, dass Du mich in Gefahr bringen würdest. Ich bin wütend auf sie, weil Du jetzt traurig bist. Ich habe gehört, wie Du mit der Hebamme darüber gesprochen hast und dass Du glaubst, dass Du eine schlechte Mutter bist. Sicher, Du machst auch Fehler, das ist menschlich, aber für mich bist Du die beste Mutter auf der Welt. Deswegen habe ich Dich als meine Mama ausgesucht.

Was ich von Dir brauche: Dich als meinen sicheren Hafen!

Wenn ich zu weinen beginne, Mama, dann brauche ich von Dir nur 3 Dinge:

1. Ich brauche Deinen Halt und Deine Nähe
2. Ich brauche Deine Gelassenheit
3. Ich brauche Deine Zuversicht und Deinen Mut!

Ich brauche Dich als meinen sicheren Hafen. Als meinen Leuchtturm, der mir den Weg zurück zur Küste weist, wenn ich auf stürmischer See die Orientierung verloren habe. Vielleicht verstehst Du nicht, was mit mir gerade los ist. Das kannst Du mir sagen. Und wenn ich so doll weinen muss, vielleicht kannst Du Dich mit mir einmal hinsetzen. Es Dir und mir so richtig gemütlich machen, sodass Deine Arme und Beine, Dein Rücken und Dein Kopf mit Kissen gut gestützt sind. Atme durch und entspanne jeden Muskel Deines Körpers. Es ist nicht schlimm, wenn ich weine, denn ich kann damit die Anspannung, die Wut, die Trauer und die Angst aus meinem Körper heraus weinen. Und wenn Du mir sagst, dass das ok ist, dann macht mir diese Gefühlswelle auch nicht mehr so große Angst. Ich will Dir auch sagen, was gerade mit mir los ist. Wenn Du Dich so mit mir hinsetzt und ruhig wirst, dann lausche in Dich hinein. Über Deine Gedanken, Gefühle und Erinnerungen kann ich Dir mitteilen, was mich gerade bedrückt. Vielleicht verstehst Du es, vielleicht aber auch nicht. Wichtig ist nur, dass Du es akzeptierst.

Du hilfst mir damit, mein Erleben zu verarbeiten und einzuordnen. Du gibst mir damit zu verstehen, dass meine Gefühle ok sind – und bei weitem nicht so gefährlich, wie ich glaube. Du zeigst mir damit, wie ich mit Wut und Trauer, Angst und Verunsicherung umgehen kann. Ich darf es Dir mitteilen. Und Du bleibst ruhig und selbstsicher und das hilft mir, auch wieder ruhig und selbstsicher zu werden. Und vor allem bringst Du mir damit eine wichtige Lektion für’s Leben
bei.

So wie Du für mich sorgst, so lasse auch für Dich sorgen!

Eins noch, geliebte Mama: so, wie Du mich hältst und mich umsorgst, wie Du mich verstehst und wie Du mich tröstest, so brauchst Du auch jemanden, der das für Dich tut. Lass Dir helfen, wenn Oma für Dich die Wäsche machen will, oder staubsaugen und kuschle Dich mit mir ins Bett. Mach mal Pause, wenn Du nicht mehr kannst und lass Papa auch mal übernehmen. Oder die Tante. Oder Deine gute Freundin. Oder einen ehrenamtlichen Besuchsdienst. Lass Dir helfen, wenn Du mit Angst und Schrecken an unsere Geburt denkst, wenn Dir die Verantwortung über den Kopf wächst oder wenn Du Dich fragst, ob das mit dem Kinderkriegen so eine gute Idee war (war es! Versprochen!). Rede mit Papa, mit Deinen Freundinnen oder mit Deiner Hebamme. Oder suche Dir jemanden, der Dich professionell begleitet, im Muttersein anzukommen, Deine Gefühle zu sortieren und zu verarbeiten.

Du bist für mich die wundervollste Frau auf Erden – und ich bin Dir unendlich dankbar, dass Du mir das Leben geschenkt hast. Bitte pass gut auf Dich auf, so wie Du auch gut auf mich aufpasst.

In Liebe,

Dein Kind.

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