Am Muttersein wachsen. Gastbeitrag von Britt Bürgel

Heute schreibt Britt Bürgel, meine hochgeschätzte Kollegin aus Köln. Sie arbeitet als Psychologin und Coach für Frauen und ist außerdem Dozentin für Hebammen und Fachleute in der Eltern-Kind-Arbeit. Ich freue mich daher riesig, dass sie nicht nur aus dem großen Erfahrungsschatz ihrer Arbeit berichtet, sondern auch ein bisschen aus dem privaten Nähkästchen als Mama erzählt. Besonders am Herzen liegt mir ihr Appell über den Umgang von Müttern miteinander. Aber lest selbst!

„Ja! Da habe ich einiges beizusteuern!“ – Das ist mein erster Impuls, als mich Isabels Aufruf erreicht, an ihrer Blogparade „Mama ausgebrannt – Wege aus der Krise“ teilzunehmen. Seit ich mich im Jahr 2009 als Psychologin und Coach für Mütter in Köln selbstständig gemacht habe, haben sich mir viele Frauen anvertraut, die in der Krise steckten.

Mutterschaft und Krise: Wie passt das zusammen?

Auch wenn es sich vielleicht merkwürdig anhört – aus psychologischer Sicht zählt die Geburt eines Kindes zu den sogenannten kritischen Lebensereignissen. Denn so freudig dieser Anlass im besten Falle auch sein mag, bedeutet er doch einen Einschnitt in das bisherige Leben der Frau und in ihre Identität. „Wer bin ich eigentlich?“ und „Was will ich vom Leben?“ – diese und ähnliche Fragen treiben viele frischgebackene Mamas um und bringen eine Menge Unruhe mit sich. Die Antworten auf diese Fragen können die Paarbeziehung auf eine harte Probe stellen. Sie haben Auswirkungen auf berufliche Pläne, auf die Wohnortfrage, auf Freundschaften und, nicht zuletzt, auf die Beziehung zum Kind. Kurz gesagt: In der Krise geht es ans Eingemachte.

Die Krux der Krise

Was jede Krise zur Herausforderung macht: Lösungswege sind zunächst nicht erkennbar, und der Ausgang der Situation ist unklar. „Ich will etwas ändern. So wie es jetzt ist, so kann es nicht bleiben!“ Das ist gewissermaßen der emotionale Platz, von dem aus die Mütter starten, die zu mir ins Coaching kommen. Die Antwort auf die Frage „Wie komme ich hier raus? Und was ist der nächste Schritt?“ gilt es dann, gemeinsam zu finden. Das Ergebnis dieser Suche lässt die Krise zur Chance werden. So kann das, was am Ende der erfolgreichen Krisenbewältigung steht, das Leben der betroffenen Frau reicher werden lassen.

Hand aufs Herz: Als Mutter eines lebhaften Neunjährigen und Patchwork-Stief-Mama zweier mittlerweile stark pubertierender Teenager weiß auch ich, wie sich Krise anfühlt. Schließlich ist das Leben mit Kindern nicht immer rosig, es gab so manche schlaflose Nacht (Gottlob, sie sind heute tatsächlich nur noch die Ausnahme, so dass ich hier bewusst in der Vergangenheit spreche!). Streit unter den Geschwistern, Wutanfälle im Supermarkt, Magen-Darm-Viren zur Unzeit und das alltägliche Durcheinander, das alle Mütter dieser Welt kennen – das kostet mich Kraft, und nicht immer gelingt es mir, diesen Situationen mit einem Lächeln zu begegnen.

Zu meinen Gefühlen stehen

Im Erstgespräch mit meinen Klientinnen räume ich regelmäßig mit einem gängigen Vorurteil auf: Auch mir als „Fachfrau“ fällt es nicht immer leicht, in diesen Alltagssituationen als Mutter gelassen zu bleiben. Je nach eigener Tagesform und aktueller Situation gelingt mir das mal mehr, mal weniger gut. Nehmen wir ein konkretes Beispiel aus meinem Leben: Mein Neunjähriger hat leider eine ausgeprägte Vorliebe für eine spezielle Sporthose, die er am liebsten rund um die Uhr und zu jedem Anlass tragen würde. Wenn besagtes Modell morgens nicht im Schrank liegt, sondern frisch gewaschen aber noch tropfnass an der Wäscheleine hängt, kann Tobias – je nach seiner eigenen Tagesform – mal mehr, mal weniger heftig darauf reagieren. Ich wiederum kann mit seiner enttäuschten Verärgerung darüber, dass er an einem solchen Morgen eine „total blöde Jeans“ anziehen muss, entspannter umgehen, wenn es sich um einen Morgen handelt, am dem sonst alles nach Plan verläuft. Bin ich innerlich aber selbst angespannt, weil ich in Gedanken dabei bin, einen wichtigen Presse-Termin vorzubereiten und mir just in diesem Augenblick einfällt, dass ich ein Dokument in der Praxis vergessen habe, was ich unbedingt noch vor dem Termin abholen müsste – dann fällt Tobias´ Wut auf meinen fruchtbaren Boden. Was daraus erwachsen kann, ist bisweilen ziemlich lautstark. Unsere Nachbarn können ein Lied davon singen… wie gut, dass sie selbst Kinder haben und diese morgendlichen Bedürfnis-Kollisionen aus eigener Erfahrung kennen 😉

Du bist nicht allein

Bei diesem Bekenntnis ernte ich in der Praxis oft erstaunte Blicke, die dann meist einem Lachen weichen. Ein Lachen, das den ersten Meilenstein im Coaching markiert: Die Mutter, die mir gegenübersitzt, erlebt einen Moment der Erlösung. Indem ich ihr diesen Einblick in meine Gefühlswelt ermögliche, erlaube ich ihr, etwas sehr Verführerisches zu tun. Es ist eine Einladung zu mehr Authentizität und Wahrhaftigkeit. Die Einladung, ganz da zu sein, mit allem, was sich gerade zeigt. Vielleicht ist es noch zu früh für mein Gegenüber, dieser Einladung sofort nachzukommen. Doch der Samen ist gesät.

Sich angenommen zu fühlen, so wie man ist: Dieses Gefühl kann heilsam sein. Es macht nicht nur schwierige Situationen im Alltag mit Kind einfacher, weil es entlastet und damit auch den Druck aus Konflikten herausnimmt. Zugleich ist dieses Gefühl ein wichtiger Schutzfaktor in möglichen künftigen Krisen. Worauf beruht dieser positive Aspekt? Wenn ich weiß, dass ich so, wie ich bin, okay bin, brauche ich keine unnötige Energie damit zu vergeuden, mir und den anderen etwas vorzumachen. Das erhöht die Chancen darauf, dass ich als Mutter in einer Krise die Unterstützung bekomme, die ich benötige. Und es setzt wichtige Ressourcen frei, um mich mit dem, was die Krise von mir erfordert, konstruktiv auseinanderzusetzen.

Im Feld der Mütter

Viele gute Gründe also, zu den eigenen Gefühlen als Mutter zu stehen. Für diesen Schritt braucht es Ermutigung. Und es erfordert Mut, sich der möglichen Kritik anderer Mütter auszusetzen. Diesen Mut aufzubringen in einer Phase des Lebens, in der wir Frauen uns verletzlicher denn je fühlen, ist ein echtes Wagnis. Wenn das eigene Ich, die eigene Identität als Mutter noch nicht auf festem Fundament steht, sind wir anfälliger für die kritischen Stimmen um uns herum.

Wie schnell ist es passiert, dass sich Frauen in der Krabbelgruppe oder im Eltern-Café gegenseitig für ihre unterschiedlichen Sichtweisen im Hinblick auf Stillen, Beikost, Einschlafhilfen oder Kinderbetreuung kritisieren. Hinter Gemeinsamkeiten verschanzen sich so manche Frauen dann gegenüber der abweichenden Einstellung anderer Mit-Mütter. Nicht immer geschieht das in böser Absicht. Oftmals steckt der Wunsch dahinter, sich durch das Einschwören auf einen gemeinsamen Tenor selbst Sicherheit zu verschaffen: „Ich bin mit meinem Standpunkt nicht alleine; offenbar mache ich meine Sache als Mutter doch ganz richtig.“ Dieser Wunsch nach Bestätigung ist verständlich und absolut nachvollziehbar.

Das Perfide daran: Wir Mütter tragen auf diese Weise selbst dazu bei, dass wir uns in einem Raum der Unaufrichtigkeit und Angst bewegen. Die Angebote, die eigentlich dazu gedacht sind, Mütter in ihrer neuen Rolle zu stärken, werden so ad absurdum geführt. Durch die Entwertung der Individualität entsteht eine Atmosphäre, die Unaufrichtigkeit fördert. Wer hier noch die Traute hat, für sich selbst einzustehen, braucht entweder ein dickes Fell oder hat es schlicht nicht nötig, die Zustimmung der anderen Mütter zu bekommen.

Das muss doch auch anders gehen!

„Mama ausgebrannt – Wege aus der Krise“: Ich möchte das Motto dieser Blogparade gern durch die virtuellen Räume schwenken, in denen Frauen wie du zuhause sind. Wir können leider nicht immer verhindern, dass uns das Muttersein an den Rand der Krise bringt. Doch wir haben es in der Hand, wie wir mit uns umgehen, wenn die Krise uns erwischt hat. Durch uns entsteht das Umfeld, das es uns selbst und anderen Frauen leichter machen kann, am Muttersein zu wachsen.

Und an dieser Stelle bist du dran: Lass nicht zu, dass Mütter schlechtgemacht werden, wenn sie den Mut haben, sich in ihrer Einzigartigkeit mitzuteilen. Jede Frau, die sich traut, offen zu sein, verdient Achtung und Respekt. Mache es dir zur Gewohnheit, neugierig-interessiert nachzufragen, wenn du mit einem anderen Standpunkt, einer ungewohnten Vorgehensweise einer anderen Mama konfrontiert bist. Die Welt wird reicher, wenn du die Vielfalt zulassen kannst. Du findest, das ist eine echte Zumutung? Stimmt genau: Ohne Mut geht es nicht. Die Frage ist: Bist du mutig genug?

 

Britt_BürgelBritt Bürgel, Dipl.-Psychologin und Heilpraktikerin, arbeitet in ihrer Praxis in der Kölner Südstadt schwerpunktmäßig mit Schwangeren und Müttern, die nach der Geburt in eine Krise geraten sind. Ihr Herzensthema: Frauen zu ermutigen, zu sich und ihren Bedürfnissen und Gefühlen zu stehen und das eigene Ich lebendig werden zu lassen. Als Autorin und Dozentin gibt sie ihr Wissen an Hebammen und Fachleute aus dem Bereich der Eltern-Kind- Arbeit weiter. Unter dem Motto „Ganz schön Ich!“ begleitet sie außerdem Patienten, die an einer Hauterkrankung leiden. www.britt-buergel.de

 

p.S.: Den vorherigen Beitrag findest Du bei Ilse Lechner vom Entfaltungsparadies.
p.p.S.: Du willst auch mitmachen? Cool, das freut mich. Hier findest Du weitere Infos zur Blogparade. Oder Du meldest Dich einfach direkt persönlich bei mir!

 

 

 

4 Kommentare

  1. Lass nicht zu, dass Mütter schlechtgemacht werden, wenn sie den Mut haben, sich in ihrer Einzigartigkeit mitzuteilen.

    Ein wunderschöner Satz! 😍

  2. Astrid Becker

    Ich habe genau diese Abwertung und Unaufrichtigkeit erlebt und es war/ist so schwer zu sich und seinen Intuitionen und Bedürfnissen zu stehen. Danke für deine einfühlsamen Worte.

    • Isabel Falconer

      Liebe Astrid,
      ja – wer auf seine Intuition hört und seine Bedürfnisse verteidigt, stößt nicht immer auf Gegenliebe. Da trennt sich schon mal die Spreu vom Weizen. Aber mit der Zeit und ein wenig Übung wird es leichter!
      Alles Gute für Dich,
      Isabel

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